Bonn.analog?

von Anatol Koch und Tobias Haßdenteufel

kigan

Aus einem Land vor unserer Zeit: der Bonner Software-Dinosaurier KIGAN

Zugegeben, man muss bei der rasanten digitalen Entwicklung als Stadt nicht gleich auf jeden neuen Trend aufspringen – nicht alles, was heute in der Welt des Internets möglich ist, muss auch sinnvoll sein. Die digitale Strategie der Stadt ist aber mit einer angemessenen kritischen Zurückhaltung nicht mehr zu begründen. Vielmehr scheinen in Politik und Verwaltung an strategischen Positionen echte Analog-Freaks zu sitzen.

Ein Beispiel hierfür begegnet uns in diesen Tagen wieder in der Berichterstattung: Eltern haben einen Rechtsstreit gegen die Stadt geführt und gewonnen, weil sie sich nicht mit einer mündlichen Zusage eines Kitaplatzes vertrösten lassen wollten. Ihrem Wunsch nach einer verbindlichen Anmeldebestätigung konnte das Jugendamt nicht entsprechen, weil das uralte „Kindergarteninformationssystem“ (KIGAN) dies nicht vorsieht.

KIGAN ist heute im Grunde ein vollkommen überholtes Angebot und kann allenfalls Nostalgiker mit seinem Retro-Look begeistern (siehe Bild). Schon Google Maps bietet mittlerweile ähnliche Leistungen: nämlich 1. die nächste Kita finden und 2. die Einrichtung kontaktieren. Schade nur, dass viele Anfragen, die über KIGAN an die Kitas gerichtet werden, gar nicht erst beantwortet werden, wie immer wieder von frustrierten Eltern berichtet wird. Da kann man es schon fast verstehen, dass es auch Eltern gibt, die sprichwörtlich den Kaffee aufhaben und dann klagen. Das könnte der Stadt nach der jüngsten Niederlage vor Gericht jetzt häufiger blühen. Allein die Minimierung des städtischen Kostenrisikos ist dann auch der Grund, warum der Software-Dinosaurier KIGAN nun endlich durch ein neues System abgelöst werden soll. Die Unterstützung der Eltern beim Anmeldevorgang war also kein hinreichender Anlass, das System zu erneuern? Dabei gab es bereits vor drei Jahren eine Empfehlung des NRW-Städtetags, in den Kommunen einheitliche Systeme zur Anmelde- und Bedarfsverwaltung einzuführen. Die umliegenden Kreise haben daher auch längst umgestellt. Übrigens kann ein neues System auch die Software für die Elternbeitragsverwaltung ablösen. Hier gab es laut Stadt zuletzt Schwierigkeiten bei der Ausstellung der Beitragsbescheide. Das verantwortliche System KIDO dürfte ähnlich wie KIGAN eine in die Jahre gekommene Insellösung der Stadt Bonn sein, dennoch wurde zuletzt noch per Beschluss im Mai 2016 eine aufwändige Umstellung durch den ursprünglichen Entwickler in Auftrag gegeben (vgl. letzter Abschnitt im pdf).

Auch beim Aufbau eines stadtweiten kostenlosen WLAN-Netzes, was seit drei Jahren angestrebt wird, bleiben Politik und Verwaltung der analogen Linie treu. Bislang gibt es keinen Vollzug bei der schon vor drei Jahren angekündigten Öffnung der städtischen WLAN-Access-Points beispielsweise im Ratssaal. Auch der angestrebte Aufbau eines kostenlosen WLANs in der Innenstadt verlief im Sande. Was die jüngste Initiative der Linksfraktion zur Verbesserung der Liveübertragung von Ratssitzungen und der Schaffung eines Aufzeichnungsarchivs nach dem Vorbild anderer Städte wie Düsseldorf, Essen, Wuppertal, Bottrop, Solingen usw. erreichen kann, bleibt noch abzuwarten.

Interessant ist, dass die Stadt andererseits stolz digitale Vorzeigeprojekte wie den Aufbau eines „Digitalen Hubs Bonn/Rhein-Sieg“ oder das Projekt „Digitales Bonn“ promotet und dabei vor vollmundigen Floskeln wie dem „Innovation Board als Standort für digitale Innovation“ vor dem Hintergrund des „ausgeprägten Profils Bonns als IT-Stadt“ nicht zurückschreckt. Ins Bild passt da auch die Erneuerung der städtischen Homepage bonn.de, die jetzt für 300.000 Euro + x beschlossen wurde. Ein dringend notwendiger Schritt? Wohl kaum. Und wenn Sie uns das nicht glauben wollen, dann fragen Sie doch beim politischen Gegner nach: Die Grüne Landtagsfraktion NRW hat dieses Jahr im „GRÜNEN Online-Check“ das Bonner Internetportal von 396 Kommunen und 31 Kreisen in NRW auf Platz 1 gesetzt. Was Politik und Verwaltung in Bonn nicht daran gehindert hat, dieses doch anscheinend schon jetzt mehr als ausreichende Angebot durch Einschaltung einer Consultingfirma in einem Relaunch auf Hochglanz polieren zu lassen. (Und das übrigens mit den Stimmen der Bonner Grünen, die ihrer Landtagsfraktion in dieser Angelegenheit offenbar nicht so recht über den Weg trauen.)

Es stellt sich die Frage, warum sich der digitale Fortschritt in Bonn in schicken PR-Kampagnen und Hochglanzbroschüren erschöpft? Für Alltagsuserinnnen und –user ist davon nämlich ansonsten nicht viel zu spüren. Was Bonn in Sachen IT dringend nötig hat, ist mehr „Gebrauchswert“ – und weniger Marketing.