Wenig Fakten, viele Emojis: ein Blick aufs Politikmarketing der Bonner Grünen

Die Grüne Fraktion in Bonn hat’s nicht leicht: Nach fast 10 Jahren in der Koalition mit der CDU läuft die Partei akut Gefahr, dass sich selbst die konservativsten Grünen-Wähler*innen irgendwann fragen, was denn außer ein paar Pöstchen und gelegentlichem Aufmucken bei Umweltthemen an Erfolgen aus dieser Zeit geblieben ist. (Von der akuten Gefahr, dass auch den uninformiertesten Wähler*innen irgendwann auffällt, mit wem die Grünen da eigentlich seit fast 10 Jahren koalieren, ganz zu schweigen.)

Um diesen Prozess der Selbsterkenntnis zu verhindern, fällt der Social-Media-Abteilung der Fraktion die undankbare Aufgabe zu, jeden noch so kleinen Fortschritt zur bahnbrechenden Entscheidung aufzublasen und via Facebook und Twitter mit dem passenden lizenzfreien Wohlfühlbildchen und einem Maximum an Hashtags und Emojis zu vermarkten. Leider nimmt die Fraktion dabei in letzter Zeit in einer Mischung aus – wir vermuten mal – Ahnungslosigkeit, Selbstüberschätzung und Zynismus des öfteren für Projekte die Urheberschaft („Grün wirkt!“) in Anspruch, mit denen sie herzlich wenig zu tun hat, oder die einfach normales Verwaltungshandeln der Stadt darstellen.

An der jüngsten Serie von grünen „Erfolgen“ zum Thema Schule, die die Fraktion im August als Serie auf Facebook gepostet hat, lässt sich verdeutlichen, was wir damit meinen:

1. „Wir sanieren die Schulen: 40 Mio € für Bonns Fünfte“

gw bonns fünfte 22 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Der Grundsatzbeschluss zu den Neu- und Umbauten an der Gesamtschule erfolgte mit breiter Mehrheit im Rat und auf Vorschlag nicht der Grünen, sondern der Verwaltung – übrigens damals noch unter einem SPD-Oberbürgermeister. Der Beitrag der Koalition erschöpfte sich dagegen weitestgehend darin, an den vorgesehenen Baukosten zu mäkeln und eine Reduzierung zu verlangen.

Bewertung: Besondere Leistung der Grünen beim städtischen Großprojekt nicht erkennbar.

2. „Ein neuer Kunstrasenplatz für die IGS-Beuel“

gw kunstrasen 18 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Wo haben die Grünen beantragt, dass die Schule in Beuel einen neuen Kunstrasenplatz bekommt? Nirgendwo natürlich. Die Umwandlung eines Naturrasen- in einen Kunstrasenplatz geschah auf Vorschlag der Verwaltung und wurde in allen Gremien mit den Stimmen aller Parteien (außer BBB im Sportausschuss) verabschiedet.

Bewertung: Immerhin nicht als „Grün wirkt!“ gekennzeichnet, trotzdem wird im Text der Eindruck erweckt, es handele sich um eine besondere Leistung der Grünen, was Quatsch ist.

3. „Verdopplung der OGS-Plätze in Bonn!“

gw ogs 12 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Wie in der Beschreibung deutlich wird, geht es nicht um eine Verdopplung der Gesamtplätze der Offenen Ganztagsschule in Bonn, sondern nur um eine Verdopplung der neuen Plätze (von 150 auf 300). Es liegt nahe, dass das Bild – und das ist es, was man beim Scrollen durch Facebook in Erinnerung behält – in dieser Hinsicht bewusst missverständlich gestaltet ist. Den zusätzlichen Ausbau der OGS ab Schuljahr 2018/19 hatte übrigens ein Jahr vor der Koalition auch schon die SPD hier beantragt, was damals noch mit Stimmen der Grünen abgelehnt worden war. Insofern … Rot wirkt?

Bewertung: Irreführend, und vorangegangene gleichlautende Initiativen aus der Opposition wurden abgelehnt und werden ignoriert.

4. „Zeitgemäße Verknüpfung von Raum und Pädagogik“

gw trennwände 28 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Hinter der hochtrabenden Überschrift verbirgt sich die Absicht, für Schulen mobile Trennwände anzuschaffen, um Klassenräume bei Bedarf weiter zu unterteilen, was der Schulausschuss einstimmig auf Antrag der Koalition beschlossen hat.

Bewertung: Faktengemäße Verknüpfung von Aussage und Realität – hier sagen die Grünen tatsächlich die Wahrheit!

5. „Nicolaus-Cusanus Schule: Sanierung naturwissenschaftlicher Räume“

gw cusanus gymnasium 24 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Alle Beschlüsse zur Sanierung der naturwissenschaftlichen Räume der Nicolaus-Cusanus-Schule fielen einstimmig im Betriebsausschuss SGB und auf Vorschlag der Stadtverwaltung.

Bewertung: Es sollte mal dringend jemand erforschen, wie die Grünen darauf kommen, dass die Sanierung auf ihre politischen Aktivitäten zurückzuführen ist.

6. „Neue Aula und Klassenräume statt Container“

gw container 14 aug

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Aha, eine Auflistung „durchgesetzt“ haben die Grünen – und hatten dafür riesige Widerstände zu überwinden, mussten sie doch extra eine kurze Große Anfrage an die Stadtverwaltung formulieren, die dann pflichtgemäß beantwortet wurde, wie in tausenden anderen Fällen auch. Was den neuen Trakt des Robert-Wetzlar-Berufskollegs angeht, so gab die Verwaltung zu einem vorangegangenen Antrag der SPD als Auskunft, der Ersatzbau für die Container sei ohnehin schon vorgesehen. Die Koalition aus Grünen, CDU und FDP ist erst danach mit einem eigenen Änderungsantrag zum Thema auf den fahrenden Zug aufgesprungen.

Bewertung: Höchstens „Grün fragt?“, aber kein „Grün wirkt!“

7. „Vier neue Stellen in den Grundschulsekretariaten“

gw sekretariate 16 august

Screenshot: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Nichts zu meckern hier – die vier neuen Stellen in den Schulsekretariaten wurden im März 2018 mit den Stimmen aller Parteien auf Antrag der Jamaika-Koalition beschlossen.

Bewertung: Hier sagen die Grünen tatsächlich die Wahrheit!

8. „Fit für die digitale Zukunft: Kaufleute im E-Commerce“

Am Friedrich-List-Berufskolleg wird zum Schuljahr 2018/2019 eine neue Fachklasse im Bildungsgang „Kaufleute im E-Commerce“ eingerichtet.“

gw 2

Bild: Grüne Ratsfraktion Bonn / Facebook

Erläuterung: Aus uns unbekannten Gründen ist dieser Eintrag inzwischen wieder von der Facebook-Seite der Grünen verschwunden. Vielleicht Gewissensbisse, weil sich auch hier einmal mehr eine einstimmig verabschiedete Verwaltungsvorlage ans grüne Revers geheftet wird?

Bewertung: Pluspunkte für die vorzeitige Beseitigung der Falschdarstellung, trotzdem wenig Bezug zur Realität.

Fazit:

Von acht gefeierten grünen Erfolgen entsprechen damit nur zwei der Wahrheit, dazu kommen bei großzügiger Zählung noch zwei Halb- (eher Viertel-)Wahrheiten.

Dass die Grünen insgeheim denken, ihre physische Anwesenheit im Ratssaal allein würde ausreichen, um alle möglichen guten Dinge geschehen zu lassen, hatte man irgendwie schon vermutet. Neu ist allerdings, wie schamlos diese Haltung auch nach außen hin transportiert wird – und das wahrscheinlich sogar mit Erfolg, denn Facebook ist kaum der Ort für tiefergehende Analysen. Dass, wie wir hören, in den Fraktionsräumen der Grünen mittlerweile alle Spiegel abgehängt werden mussten, weil sich dort niemand mehr in die Augen sehen kann, ist dafür doch ein kleiner Preis. Grün wirkt!

Die Kosten der Kosten der Unterkunft

Wohnen in armut

CC BY-SA 2.0 DIE LINKE Nordrhein-Westfalen (via flickr.com)

Kommunen kommen u.a. im Rahmen der Hartz-IV-Leistungen für die sogenannten „Kosten der Unterkunft“ (KdU) auf und legen dafür selbst die Grenzen fest, bis zu denen die Miete für Hartz-IV-EmpfängerInnen noch als angemessen gilt und in voller Höhe von Stadt oder Kreis übernommen wird. (Hier die aktuellen Werte für Bonn.) Das Problem dabei ist aber, dass „angemessen“ ein äußerst dehnbarer Begriff ist und deshalb von Kommune zu Kommune höchst unterschiedliche Regelungen existieren. Wenn die Stadt die noch zulässige Höhe der Miete, die sie für die Hartz-IV-Betroffenen übernimmt, quasi selbst festsetzen kann, besteht zudem die Gefahr, dass gerade finanzschwache Kommunen die Vorgaben zur Angemessenheit besonders restriktiv auslegen, um auf Kosten des ärmsten Teils der Bevölkerung den Haushalt zu konsolidieren.

Unsere Bundestagsfraktion hat zu dem Themenkomplex vor einiger Zeit eine Kleine Anfrage gestellt, um herauszufinden, wie viel Geld bundesweit aufgrund fehlender Angemessenheit jährlich bei den Kosten der Unterkunft eingespart wird. Die Antwort stellt auch für Bonn die aktuelle Situation dar, die wir im Folgenden dokumentieren. Dabei beziehen sich diese Zahlen jedoch ausdrücklich nur auf diejenigen Kosten der Unterkunft, die nach SGB II (d.h. im Rahmen von Hartz IV) erstattet werden. Kosten der Unterkunft, die nach SGB XII (Sozialhilfe) oder für Asylbewerber*innen anfallen, sind dabei explizit nicht berücksichtigt und kommen also noch hinzu.

1. Differenz aus tatsächlichen und anerkannten Kosten der Unterkunft

absolute Zahlen (in Euro) prozentualer Anteil
2015 2016 2017 2015 2016 2017
Bonn 1,77 Mio 1,83 Mio 1,63 Mio 2,0% 2,0% 1,7%
NRW 132 Mio 129 Mio 134 Mio 3,0% 2,9% 2,9%
Deutschland 585 Mio 550 Mio 561 Mio 3,6% 3,4% 3,4%

In Bonn wurden demnach in den letzten Jahren jeweils um die 1,7 Mio EUR an Kosten zugunsten der Stadtkasse eingespart, weil Mietkosten von Hartz-IV-EmpfängerInnen von der Stadt nicht übernommen wurden. Schwacher Trost für die Betroffenen: Das ist immerhin prozentual im Verhältnis zu den tatsächlich entstehenden KdU etwas weniger als im Landes- und Bundesschnitt.

2. Bedarfsgemeinschaften (BG) mit Differenz zwischen tatsächlichen und anerkannten Kosten der Unterkunft

absolute Zahlen der BG mit Differenz prozentualer Anteil an allen BG
2015 2016 2017 2015 2016 2017
Bonn 1.527 1.443 1.250 10,6% 9,8% 8,2%
NRW 153 Tsd. 150 Tsd. 151 Tsd. 18,0% 17,5% 17,4%
Deutschland 636 Tsd. 597 Tsd. 588 Tsd. 19,4% 18,3% 18,0%

Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, bei denen Mietkosten nicht anerkannt werden, lag in Bonn zuletzt bei 1.250 Fällen. Immer noch zuviel, aber zumindest dem Anteil nach deutlich weniger als in Deutschland insgesamt: Hier ist es fast bei jedem fünften Fall so, dass Mietkosten durch die zuständige Kommune nicht vollständig übernommen werden.

3. Durchschnittlicher monatlicher Fehlbetrag bei Bedarfsgemeinschaften mit Differenz zwischen anerkannten und tatsächlichen Kosten der Unterkunft

durchschnittlicher monatlicher Fehlbetrag (in Euro)
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
Bonn 54 92 89 92 97 106 109
NRW 50 61 62 67 72 72 74
Deutschland 49 66 71 74 77 77 80

Dies ist aus Bonner Sicht sicher das Ergebnis, das am meisten Grund zur Besorgnis liefert: Während 2011 der monatliche Fehlbetrag, den Betroffene an Kürzungen hinnehmen mussten, mit 54 Euro noch einigermaßen im Landes- und Bundesschnitt lag, hat er sich seitdem auf 109 Euro verdoppelt. Während also die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, denen die KdU in Bonn gekürzt werden, noch vergleichsweise niedrig liegt (siehe 2.), werden diese doch von den Kürzungen im Vergleich zum Landes- und Bundesschnitt unverhältnismäßig stark getroffen.

Die Ergebnisse der Kleinen Anfrage zeigen, dass der Druck auf die Bedarfsgemeinschaften, deren Wohnungen die Stadt als zu teuer beurteilt, in Bonn in den letzten Jahren erheblich gestiegen ist. Nicht nur ist dies unzumutbar für die Betroffenen und zeigt einmal mehr die Ungerechtigkeit des Hartz-IV-Systems, es fördert auch die negative Entwicklung, dass die Bonner Stadtgesellschaft sich immer weiter entmischt: Denn durch die erzwungenen Umzüge aufgrund der verweigerten Kostenübernahme wird auch die soziale Ungleichheit zwischen den einzelnen Vierteln und Stadtteilen weiter ansteigen – und damit die Gegensätze in Stadt und Gesellschaft weiter verschärfen.